Gut versteckt am Tage

von Hinnerk Weiler am 15.05.2010 / in Europa
Achterliche Windsee auf dem Atlantik, dazu lange Dünung in den Wellen schlägt das Boot immer wieder beinahe quer

Achterliche See auf dem Atlantik

Ungeduld ist auf langen Seereisen kein guter Begleiter und das stete vorrankommen, markiert durch kleine Kreuze im Logbuch half sie zu vermeiden. Doch am letzten Tag der Reise zu den Azoren holt sie mich doch ein. Halbstündlich stehe ich an Deck, mit dem Fernglas angespannt nach vorn gerichtet. Irgendwann muss sich eine Welle der langen Dünung am Horizont erheben und einfach nicht wider abflachen. Dann würde der zähe letzte Akt beginnen. Das langsame Anwachsen der bis zu elfhundert Meter hohen Berge. Gleichzeitig das Gefühl einfach nicht voran zu kommen. Doch den magischen Augenblick des Landfalls wollte ich keinesfalls verpassen. Aber auch wenn sich die teilweise dichten grauen Wolken am Himmel zum Nachmittag lichten, bis zum Abend, nur noch 20 Meilen von der Insel entfernt, ist im Dunst über dem Wasser nichts zu sehen. Das jedoch Land in der Nähe ist, ist offensichtlich: Eine deutlich dichtere Dunstglocke leicht Steuerbord voraus, das muss es sein.

Land in Sicht nach elf Tagen segeln. Selbstportrait auf hoher See

Land in Sicht nach elf Tagen segeln

“Hab Dich!” brülle ich dem Blitzen des Leuchtfeuers Arnel an der Ostküste von Sao Miguel entgegen als die Dämmerung einsetzt und wenig später schweben millionen rötlich-gelber Lichter von Straßenlaternen und aus Häusern hoch über dem Horizont. Gut versteckt unter einem Dunstschleier am Tage, strahlt die mehrere hundert Meter hohe Küste weit in die atlantische Finsternis. Gefunden – Zeit zum Feiern: Eine halbe Stunde später sitze ich mit Schokopudding und einem Becher Kaffe an Deck und starre eine Ewigkeit einfach nur auf die Lichter. Schwanke zwischen Euphorie und Enttäuschung. Ich habe es geschafft, nach elf Tagen und 1.300 Seemeilen liegen die Azoren vor mir. Aber ich wusste ja das diese Insel hier ist. Auf die Meile genau konnte ich sie am GPS näher kommen sehen. Dass sie am Tage nicht zu sehen war, ließ mich noch einmal die Koordinaten des Wegpunktes prüfen, die einzige Unsicherheit in der Navigation heute. Ich denke an Tim in seinem Jester-Folkeboot: Zwei Sextanten, ein Haufen Karten und ein Taschenrechner. Das ist “Old-School”. Wie viel größer muss die Befriedigung sein, sich mit diesen Mitteln hier her navigiert zu haben. – Der aus Kostengründen längst gestrichene Sextant wandert wieder auf die Wunschliste, später irgendwann.

Im flachen Wasser vor Sao Miguel türmt sich die See deutlich steiler auf

Steile See vor Sao Miguel

Die Beschaffenheit der verschiedenen Azoreninseln stellt man sich am ehesten so vor, dass man das Alpenvorland bis zu einer Höhe von irgendwo über zweitausend Meter mit Wasser auffüllt. Was anschließend noch heraus schaut und kein nackter Fels ist, wird mit Bäumen bepflanzt oder als Ackerland bewirtschaftet. Doch das eindrucksvolle liegt verborgen unter dem Wasser: Das Auf und Ab eines ganzen Gebirgszugs. Vor einer Atlantikinsel bedeutet “Flach” daher auch, dass der Meeresgrund innerhalb weniger Meilen nahezu senkrecht aus rund dreitausend Metern Tiefe ansteigt. Nördlich von Sao Miguel erreicht er beispielswise erst drei Meilen vor der Küste die eintausend Meter. Nicht selten sind es bereits rund einen Kilometer vor der Küste über hundert Meter. Wer diese Küste mit Rückenwind aus Nordost ansteuert, tut gut daran einen respektvollen Bogen um die “Baixo do Meio” zu machen. Die “Flachs” im Nordosten der Insel, die mit Wassertiefen bis 65 Metern zwar gute Fischgründe sein dürften, aber auch schnell zur ruppigen Waschküche werden wenn hier plötzlich die langen und hohen Wellen der Dünung zum Stillstand kommen. Respektvoll bedeutet in meinem Fall, dass ich die Untiefen in vier Meilen Abstand passiere … mit 1.200 Metern Wasser unter Kiel.

Gegen Mitternacht wird es still. Im Wind und Wellenschatten der Insel scheint der Atlantik nicht wilder als der Greifswalder Bodden. Noch 25 Meilen bis zum Hafen Ponta Delgada, ich reffe, zuckel mit zwei Knoten auf den Hafen zu. Ungeduld lohnt nicht, zum Einlaufen ist morgen Vormittag noch genug Zeit. Das nächtliche Spiel mit der Eieruhr beginnt: Zwanzig Minuten schlafen, umschauen, zwanzig Minuten schlafen…

1 Kommentar

  • Fayninger says:

    Hi man
    Grüss mir die Azores
    dort gibts auch eiskaltes Bier, Inseltabak
    namens St. Maria rotes Päckchen ohne Filter
    soweit ich mich erinnere
    und Ananas deretwegen ich vor 15 Jahren
    extra dort hin gefahren bin mit meinem damals 5jährigen Sohn
    ausserderdem sind die Vulkane-Seen einen Ausflug wert
    die Menschen waren freundlich & vertrauenswürdig,menschlich , ehrlich hilfsbereit
    gretings Fayninger
    absolut v