Das Recht, einfach zu sein

von Hinnerk Weiler am 25.05.2010 / in Europa
Steganlage Ponta Delgada auf der Azoreninsel Sao Miguel. Dahinter die Altstadt.

Marina Ponta Delgada

Feiertage haben im Fahrtenseglerleben im Allgemeinen keinen besonders hohen Stellenwert. Auf sie trifft man meist durch Zufall, wenn Geschäfte scheinbar grundlos geschlossen haben oder ein signifikanter Anstieg der Spaziergänger im Hafen die Veränderung des Alltags verrät. Auch auf den Azoren wurde es über Pfingsten voller. Anders als auf Helgoland, wo man am vergangenen Wochenende während der Nordseewoche wieder trockenen Fußes das Hafenbecken überqueren konnte, kann das aber wohl kaum am langen Wochenende liegen. Es wird Zufall sein, dass Wind und Wellen auf dem Atlantik einen Pulk an Yachten geformt haben. Zumindest nimmt man es als Pulk war, wenn innerhalb eines Tages vier neue Boote auf einmal am Steg liegen wo sonst nur eines kommt. Vorsaison eben – auch hier. Gemein ist allen, dass sie einen weiten Weg hinter sich haben. Die Walross IV zum Beispiel – padon – ich lernte es heißt „das“ Walross. Einige Zeit markierten die 56 Fuß des Berliner ASV Flagschiffs den höchsten Mast. Wie oft bei Ranglisten ist der erste Platz umkämpft und hat nicht lange Bestand. Die britische Aphrodite übertrumpft ihn kurzerhand mit ihrem Besan. Die Begriffe, groß, normal und klein müssen neu bewertet werden.

Das fällt leichter, wenn man die Inseln auf eigenem oder gechartertem Kiel erreicht. Die vergangene Etappe meiner Reise verändert Abstände. Die Deutsche Welle verkündet auf 6.075 Kilohertz, wie die Rettung des Euro angegangen wird. Hier bestenfalls noch ein Thema für etwas Smalltalk. Etwas Häme klingt unterm Red Ensign mit, Skepsis unterm Adenauer und „c’est la vie“ sagt man unter der Trikolore. Ob Bayern München die Champions Leage gewonnen hat, ist auch nicht wichtiger.

Beim abendlichen Philosophieren über die Lebensart „Fahrtensegeln“ verdichtet sich die Veränderung auf ein Beispiel: Noch vor wenigen Jahren war der Schlag von Neustadt nach Travemünde ein Wochenendausflug. Neun Meilen: Samstag hin, Sonntag zurück. – Als ich hier ankam war ich sieben Meilen vor dem Hafen schon dabei die Segel aufzutuchen, weil ich mich bereits in der Hafeneinfahrt fühlte.

Ponta Delgada. Schwimmbad und Badestelle direkt "im" Hafen. Dahinter die alte Marina in der Einklariert werden muss

Sonnige Tage auf Sao Miguel

Seit dem liege ich im Hafen von Ponta Delgada. Die Frage nach der Daseinsberechtigung drängt sich auf. – Eine Antwort finde ich nicht. Ich bin hier ohne Notwendigkeit und es gibt keinen Grund woanders zu sein. Ein Felsen im Ozean, kleiner als Hamburg wird zum Lebensraum für eine Weile. Einfach, weil er am Rand meines Weges zufällig aus dem Wasser schaut.

Die ersten Tage verfliegen, Deckschrubben, Bodenbretter waschen, Ölzeug spülen. Der Atlantik funkelte bei der Ankunft überall an und unter Deck in Form tausender Salzkristalle. Winschen drehen schwerfällig, werden zerlegt und neu geschmiert. In Frankreich geht ein Paket auf die Reise und schafft die Lösung für die offene Frage nach der Daseinsberechtigung. Auf Ersatz für das abgebrochene Pendel zu warten ist ein vollkommen befriedigender Grund. Die Eile durch den Wunsch endlich loszukommen, der mir den Winter in Hamburg unendlich erscheinen ließ, stellt sich hier nicht ein. Ich bin los, liege in T-Shirt und Shorts an Deck und lese „Shopgirl“. Das Buch ist meine Beute aus dem „Nimm ein Buch mit, lass eins da“- Regal in Falmouth. Zurück blieb dort „The Imray North Sea Passage Guide“. Vielleicht ist das Buch ja gerade auf dem Weg zurück nach Cuxhaven.

Paulinchen im Hafen der Azoreninsel Ponta Delgada. Wäsche hängt an Deck zum Trocknen.

Zuhause für eine Weile

Über mir spendet die Wäsche an den Genuaschoten einen flackernden Schatten. Der Schneeanzug trocknet in zwanzig Minuten, bevor er den tiefsten Platz unter der Hundekoje einnimmt. Hin und wieder rauscht eine tiefdunkle Wolke über die Insel. Ich nenne sie „Ponta Delgada Bilzzard“. Er dauert zwischen 30 Sekunden und zwei Minuten und lohnt nicht einmal unter Deck zu gehen. Meistens kommt er früh morgens, prasselt auf das angelehnte Vorluk oder trommelt mich nachts in den Schlaf.

Ohnehin kommt der oft zu kurz. Auf See freut man sich auf das Ausschlafen an Land, an Land ist man dann viel zu hungrig nach dem Leben, um zu schlafen. Der Hafen von Ponta Delgada ist auch die Ausgehmeile der Stadt. Gegenüber der neuen Marina liegt das „Baja dos Anjos“. Tagsüber ein preiswertes Café. Internet gibt es gratis zum Cappuchino für 1,30 Euro. Abends wandelt sich die „Bucht der Engel“ am Wochenende zur Discothek. Die live Musik beginnt gegen Mitternacht, um halb fünf geht das Licht an. Niemand auf dem Steg verliert ein Wort darüber. Wer nicht schlafen kann, kauft sich einfach ein Bier im Plastikbecher für 40 Cent, nimmt Platz zwischen blinkenden Lichtern der Bühnenbeleuchtung, dem Glitzern der Hafenlichter und dem Funkeln der Sterne. Man regt sich nicht auf, man arrangiert sich, ist nicht gleichgültig, sondern gleichmütig.

Mittlerweile ist auch Torsten eingeflogen. Lebt sich ein in einer anderen Welt. Wo ich mich langsam hineingefunden habe bleibt ihm nur ein Kulturschock. Leben ohne Terminkalender, Mobiltelefon und Laptop. Die Anker des modernen Menschen sind im Büro geblieben, bedeutungslos für die nächsten acht Wochen.

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