Supercell

von Hinnerk Weiler am 29.04.2011 / in Amerika

Supercell über Annapolis löst Tornado Warnung aus

Bedrohliche Gewitterwolke über Annapolis

Annapolis – In dem Moment, in dem ich die Leere auf dem Wasser sah, wusste ich, dass dieses Gewitter nicht vorbei zieht. Es war nicht das erste Mal, dass sich der Himmel in den letzten zwei Tagen verfinsterte, dass das Radioprogramm von einem schrillen Pfeifen unterbrochen wurde und eine monoton leidenschaftslose Stimme ein nahendes Unwetter ankündigte. Die anderen „schweren Gewitter“ aus den anderen Warnungen zogen meist an Annapolis vorbei, diese Zelle aber würde über die Stadt ziehen. Das wusste ich in dem Moment, in dem ich die Leere auf dem Wasser sah. Bisher war es mir noch nie aufgefallen, und ob es ein echter Indikator ist, wird die Zukunft zeigen. Aber alle Enten und Gänse, die sonst im Spa Creek zu Hause sind, hatten das Wasser verlassen und saßen in den umliegenden Straßen an Land.
Im selben Moment änderte die Stimme im Wetterradio ihren Tonfall. Sie sprach nicht mehr von Vorbereitungen auf mögliche Tornados, wo ich seit zwei Wochen vor Anker liege. Aus den Ratschlägen wurden strikte Anweisungen: „Act Now! Handle jetzt! Sofort in gemauerte Häuser gehen, Wohnwagen und Fahrzeuge verlassen und robustere Gebäude aufsuchen, Abstand von Fenstern halten!“ Die Warnung betraf eine Gemeinde, keine 20km von meinem Boot entfernt.
Ich war vorbereitet so gut ich konnte. Eine Tasche mit Reisepass, Kreditkarte und Kopien der Fotos und Filme der vergangenen zwei Jahre meiner Reise lag griffbereit. Was sonst soll man zu retten versuchen, wenn wirklich ein Tornado über das Boot fegt? Würde die Warnung auch für Annapolis ausgegeben, würde ich an Land rudern und an einer der Villen klingeln, um um Asyl im Keller zu bitten.
Keine große Vorbereitung, aber seit dem Abend zuvor, der ersten Tornadowarnung meines Lebens, wusste ich, dass ich eh nicht mehr machen könnte. Das war im Fleet Deck, einem Club am Hafen, im Herzen Annapolis. Dort kam die Warnung per Bildschirm, der wie in jeder guten amerikanischen Bar über dem dem Tresen neueste Sportergebnisse zeigte. Das graublaue Bild auf dem Fernseher wirkte mit seiner weißen Schrift im bunten und hektischen Fernsehprogramm der USA vollkommen fehl am Platze. Als sei es einem Stummfilm aus uralten Zeiten entliehen, verwandelte es das Gewitter vor den Toren der Stadt in der Phantasie beinahe in ein lebendiges Monster. „Tornado Warning“ war zu lesen. Die letzte Stufe in der Unwetteralarmierung des National Weather Service erklärt einen „Tornado Watch“ zur „Tornado Warning“, wenn er nicht mehr theoretisch möglich ist, sondern ihn jemand gesehen hat.

Dan auf der Terasse des Fleet Deck, Annapolis

Dans Rezept für Tornados: "Wenn es klingt, als würde ein Güterzug auf Dich zufahren, nimm Deinen Drink in die Hand und gehe ins Haus"

Ich saß mit Dan und Jaye draußen auf der Tetrasse des Clubs. Wie ich, leben auch sie auf einem Boot, und wie ich, haben auch sie ihren ganzen Besitz an Bord. Umso mehr beeindruckte mich ihre Ruhe. Zwischen Pommes und einem Bier erfahre ich: „Das Einzige was ich jetzt nicht machen würde, ist mit dem Auto irgendwo hinzufahren“. Tornados sind selten in der nördlichen Chesapeake Bay, Dan aber ist im Mittleren Westen mit ihnen aufgewachsen. Nicht weit von dort, wo seit vorgestern weit mehr als 200 Menschen ihr Leben in einer der schwersten Serie von Tornados der US-Geschichte verloren haben. Sein Rezept ist die nüchterne Sicht einer Person, der die Machtlosigkeit des Menschen vor dieser Naturgewalt nicht nur einmal erlebt hat: „Es gibt nichts, was Du tun kannst und nicht viel, was du vorbereiten kannst. Wenn der Twister kommt, wenn es klingt, als würde ein Güterzug auf dich zufahren, nimm Deinen Drink in die Hand und gehe ins Haus. Und bleib weg von den Fenstern. Wenn der Güterzug weiterfährt und es ruhiger wird, dann hast Du es überstanden.“ Den Schluss sagte er nicht einfach dahin. Das „Wenn“ und das „Dann“ betonte, dass die Frage nur den letzten Teil des Satzes offen ließ.

Tornado Warnung in Annapolis auf dem Wetterradar

Wetterradar von stormpulse.com, Tornadowarnung für Annapolis

Das Anne Arundel County, in dem Annapolis liegt, ist nicht sonderlich groß und das Warngebiet also klein. Einen Tag später sitze ich gebannt vor dem Notebook unter Deck und verfolge den Verlauf der Supercell, die die aktuelle Warnung ausgelöst hat. Ununterbrochen trommelt der schwere Regen auf das Boot, Böen ziehen an beiden Ankern, die tief in den Schlick eingegraben sind. Sie halten Stand. Der Creek wird wie gestern auch dieses Mal nur von Blitzen und Donner gebeutelt. Die umliegenden Straßen stehen kurz unter Wasser, dann verschwindet der Regen in den „Storm Drains“. Die riesigen Abflüsse münden im Creek, und überfluten die Stege, von denen gerade die Enten und Gänse langsam wieder in das Wasser zurückkehren.

Nach dem Unwetter klart es im Spa Creek auf

Nach dem Unwetter klart es im Spa Creek auf

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